Keltischer Schamanismus

Die Kelten

„Kelten“ ist die Bezeichnung einer Gruppe von Stämmen ähnlicher Kultur und Sprache, die im ersten Jahrtausend vor Christus Mittel- und Südeuropa weitgehend geprägt hat. Historiker sprechen von den Kelten als der ersten europäischen Hochkultur. Als Ursprungsgebiet der Kelten wird vielfach die Region der Oberen Donau angenommen. Auch in Passau findet sich keltisches Erbe vielerorts und in mannigfaltiger Gestalt. Aus dieser Region zogen die Kelten über weite Teile Mittel- und Südeuropas, so dass sich u.a. auch in Alpenregionen, donauabwärts bis in die heutige Türkei, Norditalien, Spanien, Frankreich und den britischen Inseln keltische Siedlungen und Kultur verbreitete. So prägten die Kelten einen guten Teil der Kultur Mittel- und Westeuropas. Viele heutige Bräuche wie etwa traditionelle Volkstänze, die Jahresfeste und deren Daten wie z.B. Wintersonnwende bzw. Weihnachten, oder Frühlingsfest bzw. Ostern, Tanz in den Mai, Sonnwendfeuer, Allerheiligen (und somit Halloween), Perchtenlauf sowie viele andere mehr haben keltische Wurzeln.

Unser keltisches Erbe

Im keltischen Weltbild und der keltischen Kultur steckt auch spirituelles Erbe, das spezifisch europäisch ist und uns mit den eigenen Wurzeln (rück-) verbindet. Der Keltische Weg ist eine Möglichkeit, an das eigene „alte Wissen“ anzuknüpfen und unseren eigenen „alten Pfad“ mit unseren Ahnen zu gehen. Es gibt nicht nur die fremden Wege wie die fernöstlichen Traditionen, die Kulturen der Indianer beider Amerikas oder den sibirischen Schamanismus, auf denen wir als Gäste wandeln dürfen. Wir haben die Möglichkeit, unser Geburtsrecht (wieder) zu nutzen und ein spirituelles Erbe zu leben, das tiefe Wurzeln in unserem eigenen Zuhause und unserem eigenen Lichtkörper hat.

Einige schamanische Traditionen, wie etwa die der Hopi, der sibirischen oder mongolischen Schamanen, bestehen bis heute in ungebrochener Weitergabe. Und dennoch werden sie heute in vielen Aspekten anders gelebt als vor 100 oder 2000 Jahren. Unser keltisches Erbe hat die europäische Kultur ähnlich stark mitgeprägt wie z.B. das Christentum (das übrigens vieles aus dem Keltischen adoptiert hat) und ist ebenfalls bis heute lebendig. Zudem gibt es im gesamten keltischen Siedlungsgebiet Familien und Clans, die ihr spirituelles Wirken und ihre (teilweise schamanischen) Praktiken bis heute als Familienerbe leben – natürlich anders als vor zwei- oder dreitausen Jahren. So haben auch wir weder den Anspruch, noch fänden wir es erstrebenswert „genau wie die Alten“ zu leben, zu denken und zu handeln. Wir leben in unserer Zeit, so wie diese in ihrer lebten. Doch am Verwobensein von Alltagsrealität und Anderswelt, dem gemeinsamen Miteinander aller Wesen, der Balance von männlichen und weiblichen Prinzipien sowie vielen anderen Kernsaspekten hat sich bis heute wenig geändert. Zudem fördert auch die Wissenschaft zunehmend mehr „Keltenwissen“ zu Tage und trägt so dazu bei, unser keltisches Erbe immer lebendiger blühen zu lassen.

Alles lebt und ist beseelt

In der keltischen Tradition ist Spiritualität fundamentaler Teil des Lebens. Das ganze Leben ist in gewissem Sinne magisch und doch gibt es nichts, was wahrhaft übernatürlich ist. Natürliche, magische und spirituelle Aspekte verweben sich ganz selbstverständlich in jedem Menschen sowie in allem, was uns umgibt und begegnet. Nach dieser – und somit auch unserer – Auffassung ist alles beseelt bzw. lebendig. Für das persönliche Glück sowie das Leben in der Gemeinschaft ist es zentral, mit allen Wesenheiten in lebendigem und gutem Austausch zu stehen. So ist der Hausberg gleichzeitig auch der Schutzgeist einer Region, mit Wind und Sonne kann man reden und so zu gutem Wetter und entsprechenden Ernten beitragen. Große Steine, Flüsse, Haine, und vor allem auch das Land an sich haben jeweils ihr Eigenleben und wollen respektiert werden. Sie gehören so selbstverständlich zum sozialen Umfeld wie Nachbarn oder Familienmitglieder. Bäume um Rat zu fragen, gehört ebenso zu einem gesunden Miteinander wie die Beachtung der Wünsche des „kleinen Volkes“ (im weitesten Sinne alles, was auch als „Naturwesen“ bezeichnet wird). Dies ist zwar nicht immer einfach, aber immer möglich. Denn wir Menschen können mit allen Wesen Kontakt aufnehmen, reden und Einigungen erzielen.

Das keltische World Wide Web

Über das „Wyrd“, ein allumspannendes energetisches Netz, stehen wir unmittelbar mit allem, was lebt, in Verbindung. Das Wyrd durchdringt die gesamte Welt, jede einzelne Körperzelle und alle Wesen. So hat alles, was irgendwo im Wyrd geschieht, Auswirkungen auf alle anderen Elemente. Dieses gemeinsame Schwingen wird häufig als „Orán mór“, das große Lied des Lebens, beschrieben, in dem jeder seine Stimme singt, dabei gleichzeitig dem Gesamtklang folgt und diesen somit erst mit hervorbringt. Durch das Wyrd kann leicht erklärt werden, wie eigene Veränderungen, an denen wir arbeiten, sich auf vielen Ebenen zeigen und dass jeder Schritt in der eigenen Heilung zur Heilung des großen Ganzen beiträgt. Insbesondere das Energiefeld, welches unseren Körper umgibt und durchdringt, steht in beständigem Austausch mit dem Wyrd bzw. Orán mór. Dieser Lichtkörper (der in den östlichen Traditionen Aura genannt wird) stellt die Schaltzentrale für alle wesentlichen inneren Prozesse der Menschen sowie deren Verhalten dar. Hier läuft quasi die Software für unser Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln sowie für alle biologischen, psychischen, sozialen und spirituellen Prozesse. Verändert sich der Lichtkörper, verändern sich automatisch all diese Prozesse mit.

Die Anderswelt

Die keltische Realität gliedert sich in zwei Aspekte, die sich gegenseitig durchdringen und beeinflussen. Die Alltagsrealität, in der alles Physikalisch-Körperliche zuhause ist und die Anderswelt, in der die Spirits sowie ein gut Teil der energetischen Prozesse zuhause sind. Manche Spirits haben eine körperliche Präsenz, wie etwa Menschen, Tiere und Pflanzen. Andere Spirits sind ganz in der Anderswelt beheimatet, wie z.B. die Feen. Diese haben übrigens wenig mit süßen kleinen schmetterlingsflügeligen Winzlingen zu tun. In den alten Überlieferung werden sie als „die Leuchtenden“ beschrieben, also diejenigen Wesen, deren Lichtkörper so rein ist, dass er strahlt. Viele – und vor allem viele wesentliche – Ursachen für Geschehnisse und Begebenheiten sind in der Anderswelt zu suchen. Daher sind wesentliche Veränderungen ohne Einbeziehung der Anderswelt und der Spirits kaum denkbar.
Große Spirits, die für das heile Gefüge des Lebens eine besondere Rolle spielen, zeigen ihr „Gesicht“ überall dort, wo ihr Energie-Prinzip wirkt. So begegnet uns das Weiblich- Göttliche u. a. als „Große Mutter“ z. B. in der Donau als „Dana“. Unter diesem Namen wird sie bis hin zu den britischen Inseln verehrt. Ebenso zeigt es sich als „junge Frau Ion“ im Inn und als „weise Alte Ilza“ in der Ilz. Ebenso zeigt sie ihr Gesicht als Mutter Erde, als Meeresgöttin, die Mondin, Bride, Mutter Maria u.v.a.m.. Das Männlich-Göttliche zeigt sich u. a. als Gwyn ap Nudd, der auch als Hirschkönig, Hüter aller Wesen und Spirit heiler Männlichkeit bezeichnet wird. Dieser wird bis heute in Ynis Wydryn, dem Andersweltpendant zum Tor in Glastonbury erlebt. Das Männlich- Göttliche taucht aber auch als Vater Himmel, Sonnengott, als Sternbild (keltisch „Gwyn“, heute „Orion“), als Dagda „der gute Gott“ u.v.a.m. auf. Im keltischen Weltbild ist immer Balance und Ausgewogenheit Ausdruck des heilen Zustandes. So, wie die Menschen von Mutter Erde getragen und von Vater Himmel behütet werden, drückt sich in vielen Formen aus, dass Männer wie Frauen sowie maskuline und feminine Energien oder Spirits immer gleichberechtigt und harmonisch zusammenwirken (sollen).

Spiritualität der Nähe und des Vertrauens

Es gibt im Keltischen auch keine klare Unterscheidung zwischen Göttinnen bzw. Göttern, Andersweltfürsten, erleuchteten Wesen und diesseitigen großen Spirits wie z.B. zentrale Priesterinnen, Helden, Königen, Heilige Berge oder große Flüsse. Alles, was ist, hat einen eigenen Spirit, mit dem es in Kontakt zu gehen gilt, um harmonisch zusammenleben zu können. Je größer die Strahlkraft ist, der einem Spirit zugeschrieben wird, desto eher wird er als Held, Andersweltfürst oder Gottheit bezeichnet. Solche Begrifflichkeiten benennen letztendlich, dass der Lichtkörper des jeweiligen Spirits als entsprechend strahlend und der Spirit selbst als entsprechend machtvoll wahrgenommen wird. Je nach Rolle innerhalb eines bestimmten Geschehens können diese Zuschreibungen (als Gottheit, Held,…) auch wechseln. Die keltische Spiritualität setzt im Kern also keine Glaubensbindung an eine bestimmte Gottheit oder religiöse Gruppierung voraus und lässt sich mit vielen religiösen Traditionen verbinden. So wie wir besonders ausgebildete, begabte oder anderweitig fähige Menschen für spezielle Aufgaben um Hilfe bitten, geschieht dies auch mit den Spirits. Und manchmal ist der beste Ansprechpartner der, welcher gerade in der Nähe ist oder die, zu der wir eine besondere Beziehung haben. So kann jeder Mensch mit den Spirits arbeiten, die ihm entsprechen, ihm nahestehen oder die besonders geeignet für besondere Aufgaben sind. Für uns in Passau sind z.B. Dana, Ion, Ilza und der Passauer Wolf naheliegende und vetraute Ansprechpartner, für Salzburger wäre wohl der Untersberg ein naheliegendes Gegenüber, in Heidelberg liegt der Erzengel Michael nahe und König Artus in Cornwall.

Keltische Schamanen & Schamaninnen

Jede uns bekannte traditionelle schamanische Ausbildung umfasst neben der Lehre bei einem (oder mehreren) praktizierenden Schamanen/Schamaninnen vor allem die lebendige Beziehung zu den Spirits und die direkte Unterrichtung durch diese. Auch in unserem Sein und unserer Arbeit mit schamanischer Energiemedizin spielt dieser Aspekt des andauernden Austausches mit den Spirits sowie der fortgesetzten Anleitung durch diese eine wesentliche Rolle.

Im Folgenden werden einige der Kernaufgaben keltischer SchamanInnen aufgezeigt. Diese finden sich weitgehend auch in anderen schamanischen Traditionen weltweit. Die Aufstellung folgt im Wesentlichen der Darstellung in Baierl (2014)*1

Keltische SchamanInnen haben u.a. die Fähigkeit und Aufgabe

  • der Gemeinschaft zu dienen. Dies unterscheidet den Schamanen von manch anderen spirituellen Praktikern, die sich nicht der Gemeinschaft verpflichtet fühlen.
  • mit den Spirits in lebendiger guter Beziehung zu leben und mit diesen zusammenzuarbeiten. Dazu gehören sowohl die Ahnen wie auch Naturgeister, Lichtwesen und andere. Dies unterscheidet den keltischen Schamanen von diversen anderen Traditionen, die teilweise mit Ritualen arbeiten, welche dazu dienen, sich die Spirits zu unterwerfen und dienstbar zu machen.
  • sich zur Verfügung zu stellen, so dass die Spirits durch ihn bzw. sie wirken können.
  • zwischen den Anforderungen der Anderswelt bzw. den Spirits und der physikalischen Welt auf eine Art zu vermitteln, die von einzelnen Menschen und der Gemeinschaft verstanden und genutzt werden können.
  • aus dem Gleichgewicht Geratenes wieder in Balance zu bringen.
  • die Anderswelt zu bereisen, was auch spirituelle, emotionale, geistige und mythische Welten beinhaltet.
  • den Lichtkörper wahrzunehmen und heilsame Veränderungen an ihm vorzunehmen.
  • eine heile Zukunft und Gegenwart wahrzuträumen.
  • körperliche, psychische, spirituelle und magische Verletzungen / Störungen/ Einschränkungen zu heilen. Dazu gehört u.a. die Arbeit mit Seelenverträgen, Seelenrückholung, Bearbeitung von Flüchen, Lösung von Besetzungen, u.a.m.
  • Rituale und Zeremonien in wahrhaftiger Verbindung von Göttlichem und Menschlichen zu leiten. Dazu gehören u.a. die Jahresfeste, Geburt, Namensgebung, Initiation zu Mann oder Frau, Hochzeiten, Sterberiten, Haus- und Ortsweihungen
  • Sterbende zu begleiten sowie Tote beim Übergang ins Licht zu begleiten

Mehr dazu finden Sie auch unter dem Punkt: „Schamanische Energiemedizin“.

Avalon, Glastonbury & Ynis Wydryn

Ein, wenn nicht DAS Zentrum keltischer Spiritualität stellt das heutige Glastonbury dar, das von vielen als das Herzchakra Europas bezeichnet wird. Dort fanden und finden Ausbildungen und zentrale Riten statt, welche die keltische Spiritualität maßgeblich mitform(t)en. In Glastonbury sind die Schleier zwischen den Welten sehr dünn, so dass leicht in die Anderswelt gewechselt werden kann. Glastonbury ist in der Anderswelt sowohl Avalon, die magische Insel der Priesterinnen, als auch Ynis Wydryn, die Glasinsel des Gwyn ap Nudd, eine Einweihungsstätte für Könige und Priester. Wir sind u.a. in diese Linie initiiert und stehen im lebendigen Austausch mit den dortigen Spirits. Eine weitere starke Anbindung besteht an das magische Cornwall, dem „3. Auge“ Europas. Hier liegt die legendäre Geburtstätte König Arturs und auch Merlin ist dort zuhause. Cornwall wurde nie von den Römern besetzt und konnte dadurch viele keltische Traditionen und Altes Wissen bis heute bewahren, die andernorts verloren gegangen sind.

Literatur zum keltischen Schamanismus:

  • Steve Blamires: The Irish Celtic Magical Tradition
  • Steven Farmer: Earth magic: Ancient Shamanic Wisdom for Healing Yourself, Others and the Planet (2009)
  • Tina Fields: u.a. Celtic Shamanism: Pagan Celtic Spirituality. In Shamanism: An Encyclopedia of World Beliefs, Practices, and Culture (Vol. 1, 469-478). Mariko Namba Walter and Eva Jane Neumann Fridman, Eds. Santa Barbara, CA: ABC-Clio, 2005. – oder auch unter https://indigenize.wordpress.com/about/spiritual-ecopsychology/celtic-shamanism/)
  • Kristoffer Hughes: The Book of Celtic Magic: Transformative Teachings from the Cauldron of Awen (2014)
  • Mary Jones: http://www.maryjones.us/index.html
  • Lunaea Weatherstone: Tending Brigid’s Flame: Awaken to the Celtic Goddess of Hearth, Temple and Forge (2015)
  • MacEowen: u.a. The Mist-Filled Path: Celtic Wisdom for Exiles, Wanderers and Seekers. New World Libarary: Novato (2002)
  • Mathews: u.a. Keltischer Schamanismus. Rituale, Symbole, Traditionen. (2005)

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*1 Baierl (2014) Psychische Störungen aus Schamanischer Sicht. Der Gesamttext kann unter „Veröffentlichungen“ gelesen und heruntergeladen werden.